Der magische Ententeich

17. Januar 2021

… oder wie unser Gehirn Realität erschafft.

Als Teenager mit 13 Jahren liebte ich es in der Natur herumzustromern. Ein Erlebnis auf meinen Streifzügen ging mir dabei nie ganz aus dem Kopf. Ich hatte das Gefühl, etwas sehr Wichtiges erlebt zu haben, jedoch erschloss sich mir die Bedeutung zunächst nicht. Das sollte erst einige Jahrzehnte später geschehen, als ich mich intensiv mit der Wissenschaft unseres Bewusstseins und unserer Wahrnehmung beschäftigen sollte. .

Ich war damals 13 Jahre alt und lebte am Rand eines Dorfes in der Nähe von Stuttgart, umgeben von Streuobstwiesen, Wäldern und Weinbergen. Eines Tages lief ich die Hänge der Weinberge hinunter bis ins Tal. Dabei wählte ich einen kleinen Trampelpfad, der mich zum Fuße des „Auffüllplatzes“ führte. So nannte man im Ort die ehemalige Mülldeponie, die schon einige Zeit stillgelegt war und bereits mit jungen Bäumen überwachsen war. Zu meiner Überraschung fand ich dort einen kleinen Teich vor. Enten schwammen darauf. In der Senke war es ganz still, außer Vogelgezwitscher war nichts zu hören, kein Mensch außer mir, ich war ganz allein. Es war magisch. Ich setzte mich an den Teich und schaute den Enten zu. Wie lange ich dort saß weiß ich nicht mehr, aber ich merkte, wie sich Freude in mir ausbreitete und eine angenehme innere Ruhe. Ich kann mich gut an das Gefühl erinnern. Ich hatte einen Schatz gefunden, einen magischen Ort. In den folgenden Wochen ging ich immer wieder hinunter zu diesem Teich, setzte mich ans Ufer und – meditierte. So hätte ich es damals nicht beschrieben, aber eigentlich war es genau das.

Erst erzählte ich niemandem davon, aber irgendwann wollte ich meine schöne Erfahrung teilen und führte meine Mutter zum magischen Teich. Da kam das Unerwartete. Der Ort war noch derselbe, die Enten, das Vogelgezwitscher, die Stille,…. äußerlich gesehen war alles gleich, aber die Magie war weg! Ohne dass meine Mutter eine Bemerkung dazu machte, war der Ort plötzlich nichts Besonderes mehr. Es war einfach ein Wasserloch in einer Senke mit ein paar Enten. Wie konnte dieser Ort so plötzlich verschwinden? Meine Mutter muss verwundert gewesen sein. Sie bat mich, nicht mehr alleine dorthin zu gehen. Für ein 13-jähriges Mädchen sei es nicht ungefährlich, so alleine durch die Weinberge zu laufen. Ich bin (wie Jugendliche halt so sind …) trotzdem dorthin zurück … aber die Magie blieb für immer weg. Was ist da passiert? Wo ist der Ort hin? Und was war Realität?

Diese Überraschung wiederholte sich später, als ich zum ersten Mal am Feldenkrais-Unterricht meiner damaligen Lehrerin in Basel teilnahm. Im Laufe der Lektion änderte sich mein Körpergefühl auffallend. Plötzlich fühlte sich ein Bein viel länger an als das andere. Schaute ich jedoch mit den Augen auf meine Füsse konnte ich keine längeres Bein erkennen. Mal stand ich nach der Lektion auf und hatte das Gefühl als stiesse ich mit dem Kopf an die Decke, ein anderes Mal fühlte ich mich schmächtiger. Manchmal gab es widersprüchliche Gefühle, wie zum Beispiel ein Arm, der zu schweben schien, obwohl er ganz eindeutig den Boden berührte. Ich erlebte, dass unsere Wahrnehmung und unser Körpergefühl sich ständig verändert und auch widersprüchlich sein kann.

Unsere Wahrnehmung basiert auf unseren 7 Sinnen, die zusammen wirken. Milliarden von Sinneszellen sind über unseren ganzen Körper verteilt. Interessanterweise nehmen die Mehrzahl davon nicht etwa Reize von außen wahr, sondern vor allem aus dem Inneren unseres Körpers. Die Sinneszellen des Körpersinns messen die Stellung unserer Gelenke zueinander, Rezeptoren in den Faszien registrieren Bewegung, der Tastsinn misst nicht die uns umgebende Luft, sondern wir spüren die Bewegung der Häärchen, die der Wind bewegt. Viele Sinneseindrücke messen wir indirekt als Veränderungen in unserem Körper. Augen, Ohren, Riechen und Schmecken, Gleichgewicht, Tastsinn und Körpersinn ergeben zusammen die Realität, die wir erleben. Ihr Zusammenspiel kann sich sehr schnell verändern und unser Gehirn sortiert den größten Teil der Sinneseindrück aus, bevor sie überhaupt verarbeitet werden. Meistens sind diese Veränderungen unauffällig, aber es gibt Momente, in denen sich die Welt um uns herum so stark ändern kann, dass es uns auffällt. Der Grund kann ein traumatisches Erlebnis sein oder ein besonders eindrückliches Erlebnis, wie eine berührende Musik oder Verliebtheit, eine Feldenkraisstunde oder ein magischer Teich.

Beeindruckend ist unser 7. Sinn, die Intuition oder Kreativität. Unser Gehirn kann Sinneseindrücke und vergangene Erfahrungen so miteinander verknüpfen, dass eine völlig neue Erfahrung oder „Geschichte“  entsteht – ohne diese unbedingt genau so schon jemals zuvor erlebt zu haben. Wir sehen einen Stuhl als Stuhl, weil wir ihn vorher berührt und genutzt haben. Ohne diese Erfahrung ist er nur eine Ansammlung von Schatten und Strichen. Wenn wir aber einen Stuhl mit allen unseren Sinnen kennengelernt haben, dann können wir Stühle kreieren, die es so noch nicht gibt. Unser Gehirn bastelt ständig und jederzeit Informationen zusammen, um etwas Neues daraus zu spinnen. Unsere Kreativität ist unbewusst und eine unserer wichtigsten menschliches Talente. Manchmal entsprechen die neu kreierten „Geschichten“ annähernd der Realität, viel häufiger jedoch sind sie nur die halbe Wahrheit und manchmal kompletter Blödsinn.

Es ist wahnwitziger Irrsinn und erstaunlich, dass wir mit diesem sehr mangelhaften „Realitätssinn“ so gut durchs Leben kommen und dass es sogar gelingt, dass wir uns halbwegs miteinander verständigen können. Ich halte das für ein großes Wunder. Wichtig ist deshalb, sich immer wieder etwas klar zu machen: Für uns Menschen ist es nicht möglich die absolute Wahrheit zu sehen und wir können nicht erwarten, dass andere die Welt so sehen wie wir. Wir täuschen uns, wir nehmen nur einen Bruchteil des Geschehens wahr und wir glauben zu sehen, was wir als innere Bilder in unserer Erinnerung haben. Wir sind grundsätzlich voreingenommen, falls wir nicht ganz bewusst vermeiden voreilige Schlüsse zu ziehen.

Zurück zum Ententeich. Ich könnte jetzt interpretieren, dass der Ententeich eine Mischung von äußeren und inneren Bildern war, alten Erinnerungen, Wünschen. Ich könnte es mit der Psychologie von Tochter und Mutter erklären oder mit energetischen Schwingungen und einem Blick ins Elfenreich. Wer weiß das schon, ausschließen kann ich nichts, denn mein Mensch-sein verwehrt mir den Blick auf die Wahrheit. Ich bin nicht Gott. Ich kann mir nur eine „Geschichte“ zusammenspinnen. Wozu? Gerade in heutiger Fakenews-Fakten-Polarisierungszeit ist es wichtig, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und mit Demut sagen zu können „Ich weiß es nicht“ und trotzdem die Orientierung und die Zufriedenheit nicht zu verlieren. Denn ich kann mich an das wunderbare Gefühl erinnern, als ich am Teich stand und den Enten zuschaute in der Stille. Ein Ort in mir selbst. Dieses Gewahr-sein hilft mir, mich zu orientieren, verankert mich im Augenblick, aus dem heraus mein Handeln Sinn macht.